Kreativprojekt "In & Out - Frauen im Faschismus"

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Kunst als Ausdruck von Gefühlen und Persönlichkeiten

Gefördert durch das Bundesprogramm "Vielfalt tut gut. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie" bot die Kunstwerkstatt Bad Kreuznach e.V. mit Renate Ziegler und die Stadtjugendförderung Bad Kreuznach mit Vanessa Berg das Kreativprojekt „In & Out - Frauen im Faschismus" für Mädchen und junge Frauen an.
Während des Projektes haben sich die Mädchen durch das Medium der unterschiedlichen Frauenpersönlichkeiten mit den Problematiken des Faschismus auseinander gesetzt. Zur Auseinandersetzung mit dem logo_vielfalt_kleinRechtsextremismus und den Auswirkungen dienten positive und negative historische Persönlichkeiten. Die dabei entstandenen Eindrücke und Stimmungen über die Persönlichkeiten wurden in Form eines Porträts auf Leinwand festgehalten. Dafür wurden verschiedene Materialien und Farben genutzt.

Projektablauf

Das Projekt fand an 6 Abenden je drei Stunden statt.

1. Abend: Film über Hildegard Schäfer

In Zusammenarbeit mit Anita Wiersch vom BDP (Bund deutscher Pfadfinder) wurde ein Film über Hildegard Schäfer gezeigt. Es fand ein reger Erfahrungsaustausch mit anschließender Diskussion statt.

2. Abend: Recherche

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Verschiedene Frauenpersönlichkeiten aus der Zeit des 3. Reiches, sowohl Täterinnen als auch Opfer, wurden vorgestellt. Die Teilnehmerinnen bekamen anschließend Zeit, sich mit Biographien einzelner Frauenpersönlichkeiten auseinander zu setzen. Am Ende des Abends wählte jede Teilnehmerin eine Frauengestalt aus, über die sie sich näher informieren wollte, um diese dann in den nächsten Stunden künstlerisch darzustellen.

3. Abend: Zeitzeuginnen treffen

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Im Gespräch mit Zeitzeuginnen

Im Stadtarchiv berichteten 3 Zeitzeuginnen aus ihrem Leben. Es fand ein ausgiebiger und interessanter Austausch mit Diskussion statt. Das persönliche Gespräch mit den Zeitzeuginnen empfanden die Jugendlichen übereinstimmend als eine große Bereicherung.

4. Abend: Vorbereitung der Kunst

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Erfahrungsaustausch mit einer Künstlerin

Dagmar Bludau, eine Künstlerin aus Mainz, die Frauen im Faschismus selbst künstlerisch dargestellt hat, kam mit vier ihrer eigenen Bilder. Diese stellte sie den Mädchen vor. Sie berichtete über die Lebensgeschichte der dargestellten Frauen und erklärte, mit welcher Intention sie die Bilder malte und mit welchen künstlerischen Mitteln sie arbeitete.
Anschließend planten die Teilnehmerinnen ihr eigenes Bild.

5. Abend: Alles kommt auf Leinwand

Die Mädchen begannen mit der Gestaltung ihrer ausgewählten Frauenpersönlichkeit auf Leinwand mit unterschiedlichen Materialien, Farben und Techniken.

6. Abend: Letzte Handgriffe

Die Bilder wurden fertig gestellt, Herr Storck bot Hilfestellung bei der Umsetzung und die Mädchen verfassten Erklärungen zu ihren Bildern.

 

Von Meike Ziegler (15): Meine Begegnung mit Leni Riefenstahl

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Meikes Begegnung mit Leni Riefenstahl

Leni Riefenstahl (1902-2003) war eine sehr berühmte Tänzerin, Schauspielerin und Regisseurin in der NS-Zeit. Nachdem sie ihre tänzerische Kariere wegen gesundheitlicher Probleme frühzeitig beenden muss, spielt sie in einigen Filmen (der heilige Berg, der große Sprung, der weiße Rausch...) die Hauptrolle. 1931 versucht sie sich das erste Mal als Regisseurin in „Das blaue Licht".
Durch ihren Erfolg erregt sie die Aufmerksamkeit Adolf Hitlers. 1932 kommt es zum ersten Treffen zwischen den beiden, dem weitere folgen. Hitler beauftragt Leni, Filme über den Reichsparteitag in Nürnberg, den NS-Parteitag und einen anlässlich der Wiedereinführung der Wehrpflicht zu drehen. Die Propagandafilme „Sieg des Glaubens", „Triumph des Willens" und „Tag der Freiheit- unsere Wehrmacht" entstehen. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere erhält Riefenstahl den Auftrag, die Olympischen Spiele in Berlin im Film propagandistisch umzusetzen. Für die beiden entstandenen Filme „Fest der Völker" und „Fest der Schönheit" bekommt sie bei den Filmfestspielen in Venedig die Goldmedaille.
Während des zweiten Weltkrieges hält sie sich im Hintergrund und dreht keine Filme mehr, da sie durch Gesundheitsprobleme an weiteren Filmproduktionen gehindert wird. Nach Ende des zweiten Weltkrieges wird sie mehrere Male angeklagt, wird aber jedes Mal freigesprochen. Sie stößt jedoch überall auf Kritik, da sie für das NS-Regime gearbeitet hat. Sie bricht einige Filmproduktionen ab und wendet sich der Fotographie zu. Sie machte Unterwasseraufnahmen, aus denen mehrere Fotobände entstehen. Aber vor allem ihr Fotoband über den Ureinwohnerstamm der Nuba wird ein großer Erfolg. 1992/3 wirkt sie an der Filmbiographie „Die Macht der Bilder" über ihr eigenes Leben mit.

Von Leonie Sobek (16): Meine Begegnung mit Lina Haag

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Bedrückendes der Lina Haag

Lina Haag war eine Kommunistin, die 1933-1945 für die Freilassung ihres Mannes kämpfte. Ihr Mann war Abgeordneter der KPD und wurde in das KZ in Dachau verschleppt. Lina wurde in diesen zwölf Jahren oft verhaftet und war lange Zeit in Gefängnissen (meist in Einzelhaft) und in einem KZ. Sie hatte eine Tochter, die die meiste Zeit bei Linas Eltern untergebracht war.
In einem Gefängnis, in dem sie zwei Jahre lang ohne Prozess war, sah sie den ganzen Tag kaum Licht, es gab nur ein kleines Fenster mit Gitterstäben durch das sie nur gucken konnte, wenn sie sich mit ihrem Stuhl auf den Tisch stellte.
Sie durfte als „Politische" meist keinen Kontakt zu anderen Personen haben, also kommunizierte sie durch Klopfzeichen mit anderen Frauen in den Nachbarzellen, später lernte sie das Morsen, was viel schneller ging.
Lina Haag war immer in ständiger Angst um ihren Mann, um ihre Tochter und vor den Strafen, die aus den kleinsten Auffälligkeiten folgten. Einmal flüsterte sie einer anderen Frau im Gefängnis nur einen Satz zu und wurde dafür für ein paar Tage in Dunkelhaft gesteckt. Sie bekam Panikattacken und immer wieder Ohnmachtsanfälle, auch noch lange nach der Dunkelhaft.
Im KZ bekam sie den Tod von mehreren Frauen mit, die totgeschlagen wurden weil sie ein Stückchen Brotrinde vom Boden aufgehoben hatten oder aus reiner Willkür von einer Aufseherin tot gepeitscht wurden. Diese Leute konnten keine Menschen sein, mit ihren großen, klobigen Stiefeln und ihren Handschuhen, damit sie sich die Finger nicht schmutzig machten, wenn sie irgendeinen Insassen bestraften.
Trotz all dem schaffte sie es immer wieder noch ein kleines bisschen Kraft aufzubringen um weiter zu leben und weiter dafür zu kämpfen ihren Mann aus Dachau zu befreien.
Lina hatte Schwierigkeiten zu begreifen warum alle Menschen nur dabei zusahen wie viele andere in KZs umgebracht wurden, und warum sie sich nicht fragten was mit den vielen Menschen passierte, die einfach so abtransportiert wurden. Sie wollte ihnen sagen was in KZs passierte und dass Hitler nur den Krieg will, doch sie wusste, dass sie dann nicht lang leben würde.

Von Anne Ziegler (17): Meine Begegnung mit Ruth Klüger

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Annes Begegnung mit Ruth Klüger

Ruth Klüger, geboren am 30.Oktober 1931 in Wien, wuchs als Jüdin in der Zeit des Nationalsozialismus auf. Zusammen mit ihrer Mutter erlebt sie die Zeit zwischen 1940 und 1945 in mehreren Konzentrations- und Arbeitslagern.
Nachdem sie 1945 kurz vor Kriegsende flüchten kann, emigriert Ruth mit ihrer Mutter nach Amerika, wo sie bis heute lebt und als Dozentin für Germanistik an einer Universität arbeitet.
In ihrem autobiographischen Roman „weiter leben" erzählt sie von ihrem Leben bis kurz nach ihrer Emigration. Fasziniert hat mich besonders die Art und Weise ihre schrecklichen Erlebnisse so schlicht und doch gleichzeitig so bewegend zu schildern; und ihr Mut „weiter zu leben" obwohl sie auch nach den Kriegsjahren noch viel Leid erleben musste.
Das Zitat „Ich, die ich schon mit sieben auf keiner Parkbank mehr sitzen und sich dafür zum auserwählten Volk zählen durfte,[...]" aus ihrem Roman ist der Leitfaden meines Bildes.

Von Xenia Kirschstein (16): Meine Begegnung mit Lucie Aubrac

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Die Erlebnisse der Lucie Aubrac

Lucie Aubrac (1912 - 2007) war französische Geschichtslehrerin. Ihren Beruf übte sich auch nach dem Krieg aus. Während der Nazi-Herrschaft engagierte sie sich in der résistance. Ihr Mann, den sie 3 Mal befreite, war Jude und sie unterstützten beide die kommunistische Idee.
Während der NS-Zeit waren sie gezwungen, von Versteck zu Versteck zu fliehen. Dabei benutzten sie Decknamen. Aubrac war Lucies letzter Deckname. Gemeinsam mit anderen Widerstandskämpfern und Kämpferinnen gründeten sie die Untergrundzeitung "la libération".
Lucie engagierte sich nach dem Krieg für Menschen- und Frauenrechte.
Im Bild steht die Tafel dafür, dass Lucie Aubrac Lehrerin war.
Die Waffe symbolisiert einerseits den Druck, der permanent auf ihr lastete, und andererseits, dass sie ihren Mann einmal freischießen musste. Diese Aktion zeugt von ungeheurem Mut und Willen zu Überleben.
Die Flaggen stehen für Länder, in denen Lucie schon war und sich z.B. für Menschenrechte einsetzte.

Von Xenia Rak (16): Meine Begegnung mit Marion Gräfin Dönhoff

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Xenias Begegnung mit Marion Gräfin Dönhoff

Marion Gräfin Dönhoff lebte vom 2.Dezember 1909 bis 11.März 2002.
Während der NS- Zeit engagierte sie sich aktiv im Widerstand gegen Hitler. Sie stand in Kontakt mit dem Kreisauer Kreis und war indirekt am Hitlerputsch vom 20. Juli 1944 beteiligt. Ab Ende Januar 1945 befand sie sich auf der Flucht vor der roten Armee.
Nach dem Krieg war die Publizistin Marion Gräfin Dönhoff von1968 bis1972 Chefredakteurin und ab 1973 sogar Mitherausgeberin der Wochenzeitung Die Zeit.

Abschluss mit Appellen an die Mitmenschen

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Gemeinschaftscollage mit Appellen und Gefühlen

Die Mädchen waren an dem Thema Faschismus sehr interessiert. Es gelang ihnen, den Transfer zu ihrer Gegenwart herzustellen: Für was muss ich heute aufstehen und Widerstand leisten?
Darüber hinaus erkannten sie die Gefahr des Mitschwimmens im Strom. Packt einen die Welle der Euphorie, ist es sehr schwer sich davon zu lösen. Umso wichtiger ist es für alle, immer aufmerksam zu sein, um Strömungen und Entwicklungen zu erkennen, mit denen man nicht einverstanden ist.
Abschließend gab es eine Reflexion in Form einer Collage, auf der jedes Mädchen ihre Gefühle und Gedanken während des Projektes ausdrückte und Appelle an BetrachterInnen richtet.

Ausstellungseröffnung am 11.12.09 in der Kunstwerkstatt

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Diskussion der Bilder mit bewegenden Momenten

Zur Ausstellungseröffnung in der Kunstwerkstatt begrüßte Martina Hassel die anwesenden Eltern und Interessierten. Nach einer kurzen Beschreibung des Projektverlaufs von Renate Ziegler und Vanessa Berg stellten alle Mädchen ihre Bilder vor. Sie erklärten, mit wem sie sich beschäftigt haben und warum. Dazu beschrieben sie, wie ihre Bilder zustande gekommen sind. Bei jedem Bild entstanden eifrige Diskussionen über gesellschaftliche Handlungsoptionen, persönliche Einstellungen und geschichtliche Schicksale.
Am Ende erstellten alle Gäste zusammen eine Collage zum Frauenbild heute. Dieses dient als Einstieg zur Projektfortsetzung mit der Schulklasse.

Ausstellungen

Die Kunstwerke werden vom 14.12.09 bis 29.01.10 im Haus des Gastes zu sehen sein.
Vom 02.03.10 bis 16.03.10 sind sie in der Stadtbücherei ausgestellt.

Viele weitere Fotos des Kreativprojektes gibt es hier zu sehen.