Familie Bejarano trifft Microphone Mafia
Ist es möglich, dass auf einer Bühne Spaß und Lebensfreude pur spürbar sind und gleichzeitig alle Liedtexte von Verfolgung, Krieg und der Zeit des Faschismus handeln?
Ist es möglich, dass coole Sprüche gleichberechtigt nehmen nachdenklichen Gedichtzeilen zum Ausdruck gebracht werden?
Ist es möglich, dass innerhalb eines Liedes Hip-Hop und Folklore zu hören sind?
Es ist möglich!
Wir konnten es beim Konzert der Familie Bejarano und der Microphone Mafia erleben.
Gänsehaut und Lachsalven wechselten sich bei den knapp 150 Besuchern und Besucherinnen am Abend des 24. Januar 2012 ab. Man konnte in der Zeitung über die charakteristischen Eigenschaften der Veranstaltung lesen und im Internet in bisherige Konzertauftritte reinhören, dennoch überwältigte das Erlebnis die Vorstellung.
Per la Vita in allen Sprachen
In verschiedensten Sprachen brachten Esther Bejarano mit ihren Kindern Edna und Joram und die Kölner Hip-Hop Gruppe Microphone Mafia ihre Botschaften rüber. Man war immer wieder überrascht, plötzlich italienische, türkische, köllsche und verschiedene andere Klänge zu hören. Doch eins zog sich durch alle Sprachen: Per la Vita! Nie wieder Faschismus, für das Leben, für die Freiheit!
Einen Eindruck von den furchtbaren Erlebnissen der Zeitzeugin und Auschwitzüberlebenden Esther Bejarano konnte man durch die Lied- und Gedichttexte gewinnen. Die nachdenklichen Gedichtzeilen von Esther Bejarano wechselten sich mit coolen Sprüchen aus der Hip-Hop Szene ab: eine unvergleichliche Mischung.
Orient trifft Okzident, die Jüdin den Moslem, die Atheistin den Christen, Süd trifft Nord, alt trifft jung, Frau trifft Mann, Tradition trifft Moderne, Folklore trifft Rap, die Familie Bejarano trifft Microphone Mafia, was sich im kompletten Programm zeigte und nahtlos ergänzte. So gehörten auch coole Klänge, unterstützt durch moderne Technik und ein Stuhl für die heute 87jährige Esther mit auf die Bühne.
Zum Hintergrund
Esther Bejarano ging durch die Hölle von Auschwitz und Ravensbrück. Sie ist eine der letzten bekannten Überlebenden des Mädchenorchesters Auschwitz. Ihre Kinder Edna und Joram konnten und können den ungebrochenen Antisemitismus in der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft am eigenen Leibe spüren. Seit vielen Jahren treten die Bejaranos mit zwei anderen Musikern als Gruppe „Coincidence" auf. Ihr Programm „Lider far´s Leben" besteht zu einem Teil aus Liedern in jiddischer Sprache, die in den Ghettos und KZs entstanden sind. Darin drückt sich Esther Bejaranos Herkunft, Geschichte und Selbstverständnis als Jüdin aus. Der zweite Teil des Programms beschäftigt sich mit der Gegenwart: Ausgrenzung, Rassismus, Gewalt und Krieg werden anhand von Stücken von Bertold Brecht, Nazim Hikmet oder Mikis Theodorakis thematisiert.
Die Texte werden im Original vorgetragen, mindestens acht Sprachen – neben deutsch – bringen die beiden Bejarano-Frauen bei ihren Auftritten zu Gehör: jiddisch, hebräisch, ladino, russisch, romanes, türkisch, griechisch und englisch, manchmal kommt noch spanisch oder italienisch dazu. Damit wollen sie ihr Verständnis von Völkerfreundschaft und –verständigung ausdrücken.
Rosario Pennino, Kultu Yurtseven und Önder Bardakci sind typische „Jugendliche mit Migrationshintergrund": aufgewachsen im Kölner Arbeiterviertel wurden und werden sie zeitlebens mit Rassismus konfrontiert. Ihre Erfahrungen verarbeiten sie in ihren Musikstücken. Seit zwanzig Jahren sind sie als Microphone Mafia unterwegs und rappen auf türkisch, neapolitanisch und Kölsch. In das Projekt „Per La Vita" – Für das Leben – fließen sehr unterschiedliche Erfahrungen ein. Diese unterschiedlichen Erfahrungen aus der Vergangenheit brachten die Bejaranos und die Microphone Mafia in der Gegenwart zusammen, um sie mit anderen zu teilen, aus ihnen zu lernen und gemeinsam für eine bessere Zukunft einzutreten. „Bei dem Projekt prallen Welten aufeinander. Und dieser Aufprall soll die Menschen wachrütteln", kommentiert Kutlu Yurtseven das Projekt.
Zu dem beeindrucktenden Konzerterlebnis lud der Bund Deutscher Pfadfinder in die Mühle ein. Der musikalische Abend gehörte zu der Veranstaltungsreihe "Gegen das Vergessen", gefördert durch das Bundesprogramm "Toleranz fördern Kompetenz stärken". Dies ermöglichte es den Veranstaltern, den Eintritt frei zu lassen.
Unterstützt wurde die Veranstaltung durch den Verein "Alternative Jugendkultur Bad Kreuznach", die sich um die Verpflegung der Gäste kümmerte.
Und hier gibt es noch mehr Fotos des beeindruckenden Abends.



